Geografie-Exkurs: Standortstrukturtheorien

Standorttheorien konzentrieren sich auf die Erklärung der Struktur des Raumes. Bei der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung dieser Frage steht die optimale räumliche Struktur aller ökonomischer Aktivitäten einer Volkswirtschaft im Mittelpunkt der Forschung.

Theorie der Landnutzung (v. Thünen)

Johann Heinrich von Thünen fragte sich als einer der ersten, welche eventuellen Regeln im Bezug auf die Raumstruktur eine Rolle bei der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen spielt. Er fand 1875 heraus, dass sich gewisse Zonen um den Absatzstandort in konzentrischen Kreisen bilden, in denen jeweils ein landwirtschaftliches Gut vorrangig produziert wird. Grund dafür sind unterschiedliche und unterschiedlich stark steigende Transportkosten. Dadurch ergibt sich eine ausdifferenzierte Raumnutzung.

Auch wenn von Thünen diese Theorie damals am Gut Tellow bei Rostock nachweisen konnte, so hat sie nur noch geringen Einfluss auf die heutige Situation in den industrialisierten Ländern. Transportkosten sind in der betriebswirtschaftlichen Gesamtrechnung relativ gesunken und Güter können in der globalisierten Welt ohne große Hürden von A nach B befördert werden.

Theorie der zentralen Orte (Christaller)

Betrachtet man die Verteilung und die Rangordnung der Städte und Orte innerhalb der Raumstruktur, so ist Walter Christallers Theorie der zentralen Orte von 1933 recht hilfreich. Sie ist sogar bei der politischen Raumplanung zu verwenden und hat somit nicht nur einen erklärenden Charakter.

Um die Versorgung des Raumes zu gewährleisten, versorgt jeder Ort den Raum in einem den Ort umschließenden Sechseck. Somit werden Überschneidungen oder Lücken, die bei kreisförmigen Versorgungsgebieten entstehen würden, vermieden. Außerdem sieht Christaller eine Hierarchie der Orte vor. Manche Orte (genannt: Zentrale Orte) haben gegenüber den umliegenden Orten einen Bedeutungsüberschuss und versorgen diese mit. Dadurch werden ökonomische und, aufgrund der geringeren Transportkosten und der Reduzierung des Flächenverbrauchs, ökologische Aspekte berücksichtigt. Christaller untersuchte vor allem den süddeutschen Raum und stieß dabei auf diese Struktur. Heutzutage bestehen aber Veränderungen der Voraussetzungen, die in der Theorie keine Berücksichtigung finden. Zunehmende Mobilität und Migrationsbewegungen verändern die Bedeutung von Orten. Es ist daher wichtig, ein flexibles Element in die Theorie einzubauen.

Theorie der Marktnetze (Lösch)

August Lösch entwickelte 1940 die vorher beschriebene Theorie weiter und sah in den verschiedenen Orten komplexe Beziehungen und Marktnetze, die sich gegenseitig durch unterschiedliche Spezialisierungen versorgen. Durch die stärkere Vernetzung im Gegensatz zu den Sechsecken nach Christaller entstehen Nachfrageeffekte, die sich günstig auf die Gesamtwirtschaft auswirken. Insgesamt ist das System flexibler und dynamischer. Trotzdem fehlen weiterhin Faktoren, die Bewegungen innerhalb des Systems beschreiben und berücksichtigen.

Integration der Standorttheorien (v. Böventer)

Von Böventer versuchte 1962 diese Standorttheorien zu integrieren. Und tatsächlich lassen sich genügend Gemeinsamkeiten bei den Ausgangsbedingungen und Schlussfolgerungen finden.

In den Regionen gibt es Orte mit unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen, die ins Gesamtsystem am vernünftigsten eingebunden werden müssen. Man fördert die Stärken der Orte und gleicht Disparitäten aus. Eine homogene Entwicklung der Orte wird angestrebt, wobei v. Thünens Theorie die Struktur der landwirtschaftlichen Nutzfläche, Löschs Theorie den sekundären und Christallers Theorie den tertiären Sektor berühren.

Quelle:

Schätzl, Ludwig; Wirtschaftsgeographie 1 Theorie, 6. Auflage, UTB für Wissenschaft, 1996

Ergänzende Literatur:

v. Thünen, Johann Heinrich; Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie, Berlin 1875

Christaller, Walter; Die zentralen Orte in Süddeutschland. Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen, 1933

Lösch, August; Die räumliche Ordnung der Wirtschaft, Jena 1944

v. Böventer, Edwin; Die Struktur der Landschaft. Versuch eine Synthese und Weiterentwicklung der Modelle J.H. von Thünens, W. Christallers und A. Löschs. In: Optimales Wachstum und optimale Standortverteilung, Berlin 1962

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Eine Antwort zu “Geografie-Exkurs: Standortstrukturtheorien

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