Keine Stadt wie jede andere

Auf einer Reise durch zwei europäische Städte, Bytom in Polen und Rennes in Frankreich, wird eines deutlich: In Europa gibt es eine Vielfalt an Städten mit ihren speziellen Sorgen und Problemen. Ihre Entwicklung auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, war Ziel der Leipzig Charta im Jahr 2007. Das EU-Projekt LC-FACIL wagt sich an ihre Umsetzung.

Gedankenverloren schlendere ich durch die Straßen von Bytom, Polen. Die Stadt im schlesischen Industriegebiet wirkt düster und leer. Junge Leute sieht man kaum, schon gar keine Kinder, die in den Straßen spielen. Ein paar ältere Menschen tragen ihre Einkäufe in Plastiktüten über den sonst wie ausgestorben wirkenden Marktplatz nach Hause. Der weite Platz mit der majestätisch in den Himmel ragenden Trinitatiskirche lässt etwas von der reichen und belebten Geschichte der Stadt erahnen. Als hier noch vor dreißig Jahren Steinkohle abgebaut wurde und ganz Polen mit Energie versorgte, lebte die Stadt. Nun sind die meisten Kohlegruben geschlossen, nur eine steht noch. Mit der Wirtschaft gingen dann auch die Menschen. Hier gibt es weder Arbeit noch ein Leben. Vom Marktplatz gehe ich weiter in den Norden der Stadt. An einem Tor bleibe ich stehen. Durch die Eisenstangen schaue ich in das Innere eines Fußballstadions. Der Name des Vereins ist nicht weiter von Bedeutung, irgendwo in der Kreisliga hat er sich verloren – und so sehen auch die grauen und verfallenen Tribünen aus. Auf dem Schild vor dem Eingang steht: “Na sprzedaż” – Zum Verkauf. Es sieht so aus, als würde das Schild schon länger dort stehen. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen mehrere Reihenhäuser und ich wundere mich, dass sie schief wirken. Die unterirdisch abgebaute Kohle hinterließ Hohlräume, in die nun immer mehr Gebäude absacken – wie auch diese Häuser. Kein Wunder, dass sich hier keine Investoren mehr finden. Kein Wunder, dass hier niemand mehr wohnen will.

Energisch und strahlend tritt der Bürgermeister der Stadt Bytom ans Mikrofon und blickt in die Kameras und die erwartungsvollen Gesichter der Journalisten. Piotr Koj, – ein hochgewachsener Mann, mit dem für Polen so typischen Schnurrbart – beginnt eine ganz besondere Pressekonferenz. Er berichtet der Presse stolz, dass die Stadt Bytom in das EU-Projekts LC-FACIL aufgenommen wurde, zusammen mit sechs anderen Städten. Bildhaft malt der Stadtpräsident eine farbenfrohe und optimistische Zukunft der Stadt.

Er redet vom europäischen Städtebauförderungsprojekt zur Umsetzung der Leipzig Charta aus dem Jahr 2007. In diesem Jahr hatte Deutschland die Ratspräsidentschaft inne und befasste sich unter anderem mit der Zukunft der Europäischen Stadt. Damals einigten sich die für Stadtentwicklung zuständigen Minister der 27 Mitgliedsstaaten auf Eckpunkte einer nachhaltigen und integrativen Stadtpolitik. Da die Ziele aber vage und wenig zwingend waren, setzte sich das Papier nur schleppend in der EU durch. Das Projekt LC-FACIL soll nun die Umsetzung der hiesigen Charta an einigen Beispielstädten praxistauglich erproben. Bytom ist dabei – als eine der zwei einzigen Städte aus den neuen Mitgliedsländern. Was hier im Bezug auf Stadtplanung erarbeitet werde, hätte Vorbildcharakter für alle Städte von Estland bis Rumänien, prustet der Bürgermeister ein wenig überheblich in das Mikrofon. Die Journalisten schreiben eifrig mit. Sie können sich noch nicht wirklich vorstellen, wie aus ihrer ergrauten Heimat ein lebendiger Ort werden soll.

Auch die Stadt Rennes in Frankreich wurde in das EU-Projekt aufgenommen. Rennes wirkt so viel anders als Bytom. Ich stehe auf dem Place St. Anne und blicke auf die steinerne Kirche Staint-Aubin. Der Marktplatz ist sehr schnell über ein paar enge Gassen zu erreichen. Aus allen Ecken schwirren Menschen und eilig gehe ich ihnen hinterher. An diesem Tag ist Markt auf dem Place des Lices. Es wird Fisch verkauft, Blumen und Käse und auch einiger Trödel findet sich an den vielen Ständen. Die Leute tummeln sich dicht gedrängt und reden wild gestikulierend mit den Händlern. Rennes erlebt zurzeit einen Aufschwung nie da gewesenen Ausmaßes. Die Automobilbranche boomt, neue Firmen in der Telekommunikation sind wie Pilze aus dem Boden geschossen und ein paar Straßen weiter vom Markt befindet sich die Hauptredaktion der auflagenstärksten Zeitung Frankreichs.

Als Hauptstadt der Bretagne wirkt die Stadt anziehend auf junge Menschen und Investoren. In den letzten zehn Jahren zogen über 100.000 Menschen in die Region um Rennes, die nun 400.000 Einwohner zählt. Trotz all der positiven Effekte, die eine solche Bereicherung und Wirtschaftskraft mit sich bringen, muss Rennes einige neue Aufgaben meistern. Die Balance zwischen der urbanen und ländlichen Identität der Stadt ist in Gefahr. Es entstehen soziale Brennpunkte und die Umwelt leidet immer mehr an der Verstädterung des Gebietes. Auch in Rennes sieht man zuversichtlich in die Zukunft. Erst vor ein paar Monaten wurde ein Projekt vorgestellt, welches die Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit der Stadtpolitik objektiv bewertet.

Was haben die Städte Bytom und Rennes gemeinsam, wieso wurden sie beide Partner eines EU-Projektes? Ein flüchtiger Blick lässt viele Unterschiede erkennen, die sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern lassen werden. Ein ehemaliges Kohlerevier mit hoher Arbeitslosigkeit und sinkender Einwohnerzahl auf der einen Seite und eine prosperierende Telekommunikations-Metropole mit rasantem Bevölkerungszuwachs auf der anderen Seite – der Gegensatz könnte nicht größer sein. Das genau aber war die Absicht der Leiterin des EU-Projekts LC-FACIL, der Stadt Leipzig. Denn es gibt nicht nur eine Europäische Stadt in Europa. Die Stadt als Ergebnis einer Jahrhunderte langen Geschichte ist stets individuell und bedarf daher einer gesonderten Beachtung der öffentlichen Stadtplaner. Trotzdem braucht Europa eine umfassende Konzeption städtebaulicher Leitvorstellungen. Aufgrund der Bedeutung der Städte wirkt sich europäische Politik hier meist zuerst aus. Gerade da der Großteil der Europäer in Städten wohnt und von hier aus Wirtschaft, Forschung und Bildung entstehen, ist es wichtig, die Städte zu prägen.

Woran soll sich die Entwicklung aber orientieren? Die Minister haben herausgestellt, dass Nachhaltigkeit und integrative Stadtentwicklung die Hautpfeiler kluger Städtebaupolitik sind. Es geht darum, die Stadt so zu organisieren, dass alle Nutzungen auf Wirtschaftlichkeit, soziale und ökologische Verträglichkeit geprüft werden müssen – und das möglichst auf kommunaler Ebene. Die Städte des LC-FACIL-Projektes, wie Bytom und Rennes, erarbeiten nun miteinander und auf Grundlage ihrer individuellen Erfahrungen und Schwierigkeiten Pilotprojekte, die von anderen Städten genutzt werden sollen, um die Ziele der Leipzig Charta zu erreichen. Begriffe, wie Bildung, Klimaschutz und Integration sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen, treten dabei immer wieder auf. Sie werden auch die Maßstäbe für eine Überprüfung Europäischer Städte sein. Noch ist das Modell der Europäischen Stadt eine Zukunftsvision, aber eine an dessen Realisierung mutig geglaubt werden kann.

Erschienen unter: http://jebz.jeb-bb.de/2010/12/keine-stadt-wie-jede-andere/

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