Karl-Theodor heißt nicht Wilhelm

Zu Guttenberg war von Beginn seiner ministerialen Laufbahn an zum Medienliebling der deutschen Zeitungslandschaft stilisiert worden. Es begann mit seinen Vornamen und findet nun im „Skandal GuttenPlag“ seinen vorläufigen Höhepunkt. Kritiker werfen ihm abgekartete Mediendeals und plakative Polemik vor, doch auch die Medien sollten nach Flecken auf ihren weißen Westen suchen.

An diesem Freitag düpierte der Verteidigungsminister, der aufgrund von Plagiatsvorwürfen gegen seine Doktorarbeit stark in die Kritik geraten ist, die gesamte Hauptstadtpresse. Als er einige wartende Medienvertreter vor dem Ministerium zu einer Stellungnahme empfing, erfuhren hochrangige Journalisten während der zeitgleich laufenden Bundespressekonferenz, dass Guttenbergs Sprecher zur Zeit keine Informationen dazu weitergeben kann. Die leicht empfindliche Presse ist empört über diese Informationspolitik.

Die Frage, ob es sich bei Guttenbergs Doktorarbeit um ein Plagiat handelt, interessiert nämlich schon längst niemanden mehr. Hier geht es scheinbar um Vertrauen und Glaubwürdigkeit in der Politik. Wer falsch zitiert, sagt womöglich auch sonst nicht immer die Wahrheit. Doch Vertrauen beruht auch immer auf Gegenseitigkeit. Dass Guttenberg den Medien nicht mehr wie sonst großzügig entgegenkommt, zeigt einen tiefen Bruch im Verhältnis zu den Medienvertretern.

Es begann alles im Jahr 2009, als Bundeskanzlerin Merkel einen Nachfolger für den zurückgetretenen Wirtschaftsminister Glos ernannte. Damals betitelte nicht nur die Bild-Zeitung den Baron aus Bayern mit seinen zehn Vornamen. Dass sich dabei der falsche, bewusst auf Wikipedia eingeschleuste Vorname „Wilhelm“ in fast allen Tageszeitungen wiederfand, zeugt von der Sorgfalt und Genauigkeit der Recherche der Journalisten. Wird dem Verteidigungsminister also bei der Erstellung der Dissertation Schlamperei vorgeworfen, dann wundert es nicht, dass sich die Medien geschlossen zu ihren eigenen Fehlschlägen ausschweigen.

Doch Guttenberg konnte man auch nach diesem Zwischenfall weiterhin gut benutzen. Ob posierend auf dem Broadway oder in einer Kriegsdoku in Afghanistan. Die Medien nutzten bisher jede Möglichkeit, um an eine spannende Story oder einen außergewöhnlichen Schnappschuss zu kommen. Oft wird behauptet, dass Guttenberg diese Medienevents einfädele. Doch nicht immer und nicht bei jedem erbrachte dies Sympathiepunkte, was wahrscheinlich macht, dass die Medien dabei eine nicht ganz schuldlose Rolle spielen. Public Relations ist wie es der Name schon andeutet, ein abhängiges Zweier-Verhältnis zwischen Informant und Informationsempfänger. Ohne Geschichten, keine Zeitung – und umgekehrt!

Das von den Medien inszenierte Spiel Guttenbergs mit den Medien beruht in Wahrheit auf der Macht der Medien. Guttenberg sah sich stets darin bemüht, seine Politik transparent und nahbar, niedrigschwellig und begreifbar für alle Menschen zu machen. Komplexe Krisen der Weltwirtschaft, deutscher Kriegseinsatz in Afghanistan und historische Bundeswehrreformen können der Bevölkerung eben nur mit einfachen Bildern vermittelt werden. Seine Beliebtheitswerte bestätigen diesen Wandel der Politik heraus aus den verrauchten Hinterzimmern zu den Leuten auf der Straße.

Diese Abhängigkeit an dieser speziellen Informationsform Guttenbergs nutzen die Medien nach Belieben aus. Erst lobten sie ihn in den Himmel, wurde er zum „Star-Minister“ auf unbestimmte Zeit ernannt, dann wird er zum „Freiherr von und zu Copy und Paste“ degradiert. Dabei steht seine politische Arbeit meist im Hintergrund. Selten befasst man sich mit den inhaltlichen Veränderungen, die Guttenberg voranbringt. Die Reform der Bundeswehr zum Beispiel lag schon bei seinem Vorgänger auf dem Tisch. Erst er aber hat den Schneid und die Ausstrahlungen, um den endgültigen Schritt zu gehen. Die Journalisten hingegen benehmen sich wie „5-Mark-Nutten“, wie Joschka Fischer es einmal überspitzt auf den Punkt brachte. Sie feilschen um die politische Existenz eines Menschen wie auf einem Basar und nehmen in ihrer schmierigen Schmutzkampagne auch einen politischen Tod in Kauf.

Es geht eben nicht um den wissenschaftlichen Ethos oder der Glaubwürdigkeit des Politikers. Der Bremer Juraprofessor Fischer-Lescano, der als erster auf Ungereimtheiten in Guttenbergs Doktorarbeit aufmerksam machte, ist im Institut Solidarische Moderne aktiv – in einer Reihe mit den Hardcore-Linken Andrea Ypsilanti und Katja Kipping. In der ebenfalls linksorientierten Fachzeitschrift „Kritische Justiz“ gab Fischer-Lescano den Anstoß für eine Diffamierungskampagne von links gegen die bürgerliche Koalition. Das Motto scheint zu lauten: Was der Regierung schadet, nützt der Opposition. Spätestens zu den nächsten Landtagswahlen. Und die Medien lassen sich auf diesen Kuhhandel ein. Denn jeder offen ausgetragene Konflikt zwischen den Parteien und Fraktionen bietet sich für eine knallige Schlagzeile an.

Trotz des widerwärtigen Kalküls dieser oppositionellen Eintagsfliegen werden die linken Parteien nicht als Gewinner aus diesem Skandal hervorgehen. Guttenberg hat Themen aufgegriffen, die schon seit langem (zu recht) auf der Agenda von SPD und Grüne stehen. Der Bundeswehrabzug aus Afghanistan, die Aussetzung der Wehrpflicht und die damit abgeschaffte Wehr-Ungerechtigkeit, die Reformierung und vor allem Reduzierung der Bundeswehr in Deutschland. Dass die Opposition sich nicht ehrlich zu diesen Zielen bekennt und somit auch der Arbeit des Verteidigungsministers huldigt, zeugt vom Neid und politischer Missgunst der oppositionellen Fraktionen.

Wenn schon die Opposition nicht als Gewinner zu deklarieren ist, so fällt es mir schwer, irgendetwas Gutes an den Vorgängen der letzten Tage zu erkennen. Schuld daran ist aber nicht das persönliche Fehlverhalten von Guttenberg, sondern die indiskutablen Reaktionen der Medien und der Opposition. Sie besaßen weder den Anstand, gemessen und human darauf zu reagieren, noch die Fähigkeit, daraus Profit für ihre eigenen Interessen zu schlagen. Am meisten jedoch bin ich von den Medien enttäuscht, die ihre Machtposition gegenüber Guttenberg missbraucht haben und nun sein Persönlichkeitsrecht in einer schmutzigen Kampagne verletzen. Zu guter Letzt beschweren sie sich dann auch noch über die fehlende Kooperationsbereitschaft Guttenbergs. Es täte den Medien nun nicht schlecht, wenn sie sich auf sachliche, kritische und gut recherchierte Beiträge konzentrieren würden.

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5 Antworten zu “Karl-Theodor heißt nicht Wilhelm

  1. Vor dieser Kampagne wusste ich nichteinmal, dass Gutti nen Doktortitel hat. In welchem Fach hat er noch gleich dissertiert? Ich hoffe nicht in Rhetorik oder Linguistik 😉

    Kann da nur auf meinen Lieblingsblogger Fefe verlinken:
    http://blog.fefe.de/?ts=b3a04e14
    von dem sind auch unten die Links zum ehemaligen Nachrichtenmagazin.

    Mittlerweile habe ich mir ein Bild über Gutti gemacht, und die Tatsache, dass die Arbeit gefälscht sein könnte sowie die krepeligen Reaktionen der Politik und Medien passen genau in das Schema hinein.

    http://www.spiegel.de/video/video-1110030.html
    (Flächenländer hrhrhr…)

    Und Gutti selbst:
    http://www.spiegel.de/video/video-1110030.html

    Wenn ich mir diese Leute schonwieder anhöre frage ich mich, wozu die alle Rhetoriktraining haben. Frei sprechen ist in der Politk seit Jahren nicht mehr drin oder?

    Noch dazu Guttenbergs Kommentar. Mal ehrlich, ich habe selbst schon ein paar Facharbeiten geschrieben, natürlich recherchiert man die Infos nicht selbst und natürlich kommen Fehler in die Arbeit, vor allem wenn man von Beruf ‚Fakten‘ (oder auch kognitive Dissonanz der Parteipropaganda) verdreht und Populismus verkündet. Aber so stammlig ist der durch sein Studium gekommen? „Starker Minister“ ist mir das.

    Gutti ist wie die meisten anderen. Kommt vielleicht dank Medien ein wenig besser rüber als ein Beck oder Westerwelle, aber von Kompetenz mag ich bei unserer gesamten Parteienlandschaft schon lange nicht mehr reden. Und mit der Internet-Debatte will ich gar nicht anfangen…

    Sollten vielleicht mal wirklich was unternehmen, dann werden sie auch gewählt. Lügen können sie dann immernoch vor’m Wahlkampf.

    • Dass die Verwendung von Textstellen ohne Quellenangabe in einer Doktorarbeit ein großes Vergehen ist, steht außer Frage. Trotzdem würde ich gern wissen, wie viele Fehler sich durchschnittlich in eine Dissertation finden lassen. Eine Arbeit, die über sieben Jahre geschrieben wird, kann wahrscheinlich nicht komplett fehlerfrei sein. Aber dass man sich nun so auf Guttenberg stürzt, lässt Anstand und Journalistenethik vermissen.

      Außerdem finde ich es von dir unfair, dass du die Leistungen der Politiker nach Art ihrer medialen Darstellung oder ihrer Rhetorik bewertest. Wir sollten uns häufiger fragen, was die Minister wirklich machen. Aus den Zeitungen erfährt man es leider viel zu selten. Ich frage mich aber, was sie an deiner Stelle dann „wirklich“ unternehmen sollen.

      Ok, das sollte gar nicht so harsch klingen, wie es sich vielleicht liest. Ich bin mir bewusst, dass dies ein heikles Thema ist. Wer öffentlich die „Elite“ unseres Landes in Schutz nimmt, gerät schnell in den Verdacht, entweder schlecht informiert zu sein oder selbst zu diesen Lobbyistenanbetern zu gehören 🙂 Trotzdem finde ich es auch wichtig, gegen die üblichen Meinungsmacher zu schießen.

      Liebe Grüße

      • Entschuldigung, ich kann nicht mehr über Politik reden. Nicht „ernsthaft“.

        “Außerdem finde ich es von dir unfair, dass du die Leistungen der Politiker nach Art ihrer medialen Darstellung oder ihrer Rhetorik bewertest. Wir sollten uns häufiger fragen, was die Minister wirklich machen.“

        Wollen wir ja. Die Piraten wollten Liquid Democracy oder Adhocracy. Wir wollen partizipieren – aber die Politiker weigern sich mit der Zeit und der Dynamik des Fortschritts zu gehen und wagen sich, „konservativ“ zu bleiben.

        Es gibt keine perfekte Lösung für alles, klar. Aber Lösungen, die „gut“ erscheinen, sind das in fast allen Fällen nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und ein Wahlsystem, das schon so unglaublich alt ist wie unseres – gerade in der Politik ändern sich die Rahmenbedingungen doch ständig. Das Volk versucht, durch geringe Zugeständnisse (!!!) in ihrer Meinung sich für eine Partei zu entscheiden die möglichst dafür eintritt. Wir haben so viele Parteien, damit das möglichst schwer wird und der Hang bleibt, sich für die grösseren Parteien zu entscheiden. Das System ist dazu ausgelegt, wenige Leute an viel Macht zu halten.

        Und das sieht man auch, wenn Politiker nach mehr „Privatsphäre“ für die Politik jammern. Damit noch mehr fadenscheinige Deals mit den Lobbys gemacht werden können? Das ich nicht lache.

        Das Interesse ist wohl da, aber es gibt keine Möglichkeit, sich unabhängig und unmittelbar zu informieren, WAS ZUR HÖLLE unsere vielen tollen – gutbezahlten – Minister da machen. Wenn wir sie hätten, würden wir es wohl tun, da sei dir sicher.

        Aber dann würde das Volk innerhalb KÜRZESTER ZEIT genauso wie gerade in Lybien auf der Strasse stehen, glaub mir.

        Bis es soweit ist (ich bezweifle weiterhin, dass es jemals dazu kommen wird) bleibe ich dabei, Politiker für ihre sinnfreien Versuche, Kompetenz zu zeigen, auszulachen. Kompetenz ist etwas, was man in ausgewählten Disziplinen hat. Kompetenz merkt man Menschen an, indem man ihnen Probleme darstellt und Lösungen erhält. Die Probleme, die wir unseren Politikern aufgeben – Armut, Kriege, Schulden – bleiben ungelöst, ja, unangefasst! Stattdessen müssen sie sich für Doktorarbeiten rechtfertigen, die sie mal eben ge-copypasted haben
        (Beweis: http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Plagiate). Politiker labern und labern und labern. Und können nichts lösen, weil ihnen die Kreativität und das Know-How fehlt. Also werte ich sie daran, wie gut sie labern können.

        Denn mal ehrlich, Menschen die schlüssig reden hört man doch gerne zu. So wie der hier: http://www.youtube.com/watch?v=KqABxtgO6Ys
        Der müsste dir gefallen, ist Atheist und zitiert die Bibel – ernst gemeint.

        Aber wenn ich Politikern und Leuten die über Politik nicht zuhören kann, weil sie sich selbst in ihrer Rhetorik und Fachsprache verfangen und verhaspeln, weil sie nicht wissen, was sie sagen – das ist einfach nur traurig. Das kann man leichter ausdrücken, damit alle es verstehen, und damit auch alle ehrlich mitreden können. Konstuktive Politik wäre doch mal was, und nicht dieser Hahnenkampf den wir hier haben.

  2. Moin moin!
    Deine anderen Texte fand ich alle sehr sehr gut! Aber hier von einer „indiskutablen Reaktionen der Medien“ zu reden, ist meiner Meinung nach absolut und überhaupt nicht angebracht. Guttenberg hat seine ganze politische Macht und Karriere auf seiner Beliebtheit in den Medien aufgebaut. Von wegen „die fabelhaften zu Guttenbergs“ und so…
    Schau dir mal am besten diese wunderbare Zapp-Sendung an: http://www.youtube.com/watch?v=DftrGE7geck
    Und was daraus ganz klar hervorgeht, ist dass – wenn man die Medien zu seinem Instrument macht, sich so öffnet (Familendoku, etc.) und sich so inszenieren will (Kerner-Sendung in Afghanistan) wie Karl- dass man sich dann bewusstsein muss, dass Medien (vor allem kommerzielle) unkontrolloriebar bleiben. Und dass sie sich dann auf negative Schlagzeilen genauso stürzen, wie auf die positiven.
    Und naja, indiskutabel hätte ich gefunden, wenn sich Medien in ähnlicher Situation mit gleichem Aufwand auf eine so unmediale Ministerin wie beispielsweise Schröder gestürzt hätten…..
    Haubentauchergruß

    • Hallo Valentin,

      es freut mich, dass du ansonsten gerne meine Artikel liest 🙂
      Dass ich mit diesem Beitrag natürlich besonders anecke, war mit durchaus bewusst.

      Dein Videobeitrag von ZAPP, und da muss ich dich leider enttäuschen, unterstützt ganz klar meine Position. Es zeigt, wie Guttenberg von den Medien aufgepusht wurde, wie sog. Geisterdebatten losgetreten wurden, ohne dass sich Guttenberg dort eingemischt hätte. Die Medien waren es, die sich um den Minister scharrten und sich eine Geschichte nach der anderen ausdachten. Das finde ich ziemlich schade – daher ruht meine Enttäuschung gegenüber den Medien. Im ZAPP-Video kommen ausschließlich Medienvertreter zu Wort. Nur ein einziges Mal hört man auch Guttenberg reden. Dort kann ich aber nicht feststellen, dass er irgendwelche unnützen Debatten anheizt. Die Medien sollten sich lieber auf Sachthemen konzentrieren, auch wenn sich das vielleicht nicht so gut verkauft.

      Mit der Grazie eines Eisvogels,
      Alex.

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