Gen-Protest

In Polen hungern Biobäuerinnen, in Frankreich besprühen grüne Friedenstruppen Felder mit roter Farbe und Agenten führen Gespräche mit rumänischen Bauern. Sie alle sind im Kampf gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel. Ein Überblick zur Protestbewegung in Europa

Greenpeace ist entsetzt. Entsetzt darüber, dass in Europa gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden. Die Nichtregierungsorganisation befürchtet, dass die Folgen für Mensch und Umwelt viel größer sind, als sie von den Unternehmen erforscht wurden. So seien keine langfristigen Tests gemacht worden und überhaupt hätten die wenigen „Big Player“ der Gentechnikentwicklung vor allem ihre wirtschaftlichen Interessen im Blick.

Seit den 1980er Jahren kommt Gentechnik in der Forschung zum Einsatz – vor allem in den USA. Heute ermöglichen Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen erhöhte Ernteerträge. Als jedoch 1996 zum ersten Mal gentechnisch veränderte Lebensmittel, damals waren es Sojabohnen, angebaut und dann bis nach Deutschland verkauft wurden, war der Aufschrei in Europa groß. Regelmäßig störten Greenpeace-Aktivisten Frachter, die Gensoja über polnische Häfen nach Europa importieren wollten. „Die Mehrheit der Polen und auch der Europäer wollen keine Gentechnik in Lebensmitteln“, sagt Maciej Muskat, Gentechnik-Experte von Greenpeace in Polen. Trotzdem schlich sich gentechnisch manipulierte Soja durch eine Lücke in der europäischen Gentechnik-Kennzeichnung ins Essen. „Das muss aufhören“, so Muskat.

Das Thema hat nicht an Brisanz verloren

Die damals angestoßene Diskussion um gentechnisch veränderte Pflanzen hat bis zum heutigen Tag nicht an Brisanz verloren. Noch immer wird um Ausmaße der Gentechnik in der Landwirtschaft gerungen. Europa hat reagiert. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bestimmt über die Zulassung von gentechnisch veränderten Pflanzen in Europa. Wenn hier eine neue Kartoffel- oder Sojasorte, die gentechnisch modifiziert wurde, angebaut werden soll, muss es einen langjährigen Prozess aus Kontrollen und Tests überstehen und von der EU-Kommission freigegeben werden.

Zurzeit können 34 gentechnisch veränderte Lebensmittel- und Futterpflanzen in der EU angebaut werden. Darunter sind Kartoffeln, Mais, Soja und Ölraps. Das ging vielen EU-Parlamentariern zu weit. Sie erstritten eine Schutzklausel in der Gentechnik-Verordnung, welche es den Nationalstaaten einzeln erlaubte, von der EU zugelassene Gen-Pflanzen zu verbieten. Nationale Verbote wurden von Österreich, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Luxemburg und Ungarn in Anspruch genommen.

Die Proteste halten an

Doch die Proteste und Vorbehalte gegen gentechnisch veränderte Pflanzen nahmen nicht ab. Immer wieder demonstrierten kleine lokale Bürgerbewegungen und große Nichtregierungsorganisationen. So traten mehrere Biobäuerinnen aus Polen in einen Hungerstreik, um die nationalen Politiker auf sich illegal ausbreitende Gen-Pflanzen aufmerksam zu machen. „Wir sind im Hungerstreik, weil wir nicht wissen, wie wir Polens Politiker anders wachrütteln können“, sagt die Biobäuerin Edyta Jaroszewska-Nowak.

Einmal zugelassene Gen-Pflanzen lassen sich nicht mehr aus der Umwelt entfernen. Schutzzonen um Anbauflächen von Gen-Pflanzen sollen Kreuzungen mit natürlichen Pflanzen verhindern, trotzdem kommt es dazu – mit unwiderruflichen Folgen. Auch illegaler Anbau, der meist weniger gut von nationalen Behörden kontrolliert werden kann, verschlechtert die Situation für natürliche Pflanzen. So gibt es dieses Problem auch in anderen Ländern Europas.

Mit roter Farbe gegen Genmais

In Frankreich besprühten Greenpeace-Aktivisten illegale Genmais-Felder mit roter Farbe. Diese Felder waren nicht bei der französischen Lebensmittel-Behörde gemeldet. „Durch ihre fehlenden Kontrollen erlaubt die französische Regierung Unternehmen wie Monsanto, sich in der Natur auszutoben“, sagt Myrto Pispini, Gentechnikexperte von Greenpeace International.

Besonders Rumänien ist vom illegalen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen stark betroffen. Als EU-Neuling gelten hier die EU-Verordnungen erst seit einigen Jahren. Rumänien ist durch seine großen landwirtschaftlichen Flächen wichtiger Produzent für die europäische Lebensmittelindustrie. Umso interessanter ist der Markt für die großen Produzenten von Gen-Pflanzen. Firmen, wie Monsanto, Syngenta und Pioneer Seeds, versuchen sich dort zu etablieren. Dem tritt seit einigen Jahren die rumänische Organisation Agent Green entgegen. Sie versucht mithilfe von deutschen und österreichischen Partnern, den Anbau gentechnikfreier Pflanzen in Rumänien zu fördern. Bildungsprojekten und Gespräche mit Politikern und Bauern zielen darauf ab, zu zeigen, dass gentechnikfreie Landwirtschaft nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist.

Die Anti-Gentechnik-Bewegung in Europa hat bereits für viel Wirbel in der Debatte gesorgt und lokal und national immer wieder zu Veränderungen geführt. Im Blick auf die gesetzgebende Macht der EU und der internationalen Verflechtungen wird ein europaweiter Protest notwendig. Innerhalb von sieben Monaten sammelten daher die Nichtregierungsorganisationen Greenpeace und Avaaz über eine Million Stimmen gegen Gentechnik von Europäern aus allen 27 Mitgliedsstaaten und übergaben sie dem EU-Gesundheitskommission John Dalli. Avaaz-Direktor Ricken Patel meint dazu: „Die Europäischen Bürger haben der Kommission mehr als eine Million Gründe geliefert, vorsorglich zu Handeln, anstatt sich den privaten Interessen einer Handvoll Gentechnik-Konzerne zu beugen.“

Erschienen in der Printversion des Move-Magazins vom 31. Oktober 2011.

Advertisements

Eine Antwort zu “Gen-Protest

  1. Hallo, dieser Artikel enthält eine ganze Reihe von Falsch dargestellten Dingen, die die Sachlage ein bischen verkennen. Im ersten satz sollte es besser Biobäuerinnen heißen statt „Biobauerinnen“. Aber zum Inhaltlichen, die Bevölkerung habe Angst : „So seien keine langfristigen Tests gemacht worden“ damit eine gentnisch veränderte Pflanze zugelassen wird, muss sie eine ganze Reihe von Tests durchlaufen, das ist heute so und auch shcon jahre lang so. Im gegensatz dazu, müssen konventionell gezüchtete Sorten keine Prüfung durchlaufen, wer prüft ob diese nicht auch Risken enthalten, z.B. Allergien auslösen? Bei Gentechnisch veränderten muss genau das alles geprüft werden. Weiter heißt es: „Heute ermöglichen Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen erhöhte Ernteerträge“ das man mit solchen Pflanzen oftmals nur Umweltfaktoren besser nutzen kann wird föllig außer acht gelassen, oftmals ist das Ertragspotenzial nicht höher, sondern dem standort nur angepasst. Als der Vergangheit angehörih wird berichtet: „damals waren es Sojabohnen, [die] angebaut und dann bis nach Deutschland verkauft wurden“ nach wievor werden Sojabohnen importiert, weil man den Bedarf an Protein in der Viehfütterung nicht mit einheimischen Produkten decken kann. Die EU hat allerdings den Verbraucher verarscht, in dem die Milch der Kuh, welche Gen-Soja fraß nicht als gentechnisch veränderte Milch deklariert werden muss. Aus heutiger Sicht kann nicht auf Soja Importe verzichtet werden, anderfalls würden Milch produktion etwa um 20-30% sinken.

    Das man Gentechnik kritisch betrachten sollte sehe ich auch so, aber die Chancen die sie uns bietet sollte man zumindest kennen, um sie bei Erfordernissen nutzen zu können.
    Wenn wir schon bei Gentechnik sind, man sollte solche Pflanzen übrigens GMO nennen und nicht gentechnisch verändert, denn konvetionelle Züchtung verändert auch das Erbgut!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s