In Polen daheim, in Europa zu Hause

Seit Polens Beitritt in die Europäische Union vor fast acht Jahren hat sich dieses Land stark gewandelt. Ein wichtiger Faktor dafür war die Bewegungsfreiheit innerhalb Europas. Sie brachte Polen neben materiellem Wohlstand auch gesellschaftliche Veränderungen. Eine polnische Gastfamilie lebt nun den europäischen Traum. 

Als ich im Jahr 2006 aus Breslau kommend gen Süden in die polnische Provinz fuhr und sich in der Ferne schon die Berge der Ostsudeten erhoben, fand ich rechts und links der Straße die eigenen Vorurteile wunderbar bestätigt: heruntergekommene Schuppen, löchrige Straßen und ärmliche Höfen – Ich war im „tiefsten Polen“ angekommen. In der Kleinstadt Głuchołazy verbrachte ich ein Austauschjahr.

Der 1. Mai 2004 – das Beitrittsdatum Polens in die Europäische Union – war da gerade zwei Jahre her. Das Datum bleibt in Polen auch heute noch als großes Fest und Aufbruch in eine neue Zeit in Erinnerung. Der damalige Präsident Aleksander Kwaśniewski sprach davon, dass Polen an jenem Tag “in die europäische Familie zurückgekehrt” sei. Für Polen bedeutete das politische Anerkennung, wirtschaftlichen Aufstieg und vor allem neu gewonnene Freiheiten. Der Schock des in den 1980er-Jahren verhängten Kriegsrechts in der damaligen kommunistischen Volksrepublik saß auch im Polen des 21. Jahrhunderts noch tief – die Erwartungen von Frieden und Wohlstand hingegen waren 2004 hoch.

Die EU befreite Polen

Zwei Jahre später holte meine polnische Gastmutter Alicja aus einer Schublade einen kleinen grünen Zettel hervor. Darauf zu lesen: „Mehl: 1000g – Schokolade: 100g – Fett: 375g – Alkohol: 1 Flasche“ Während sich Anfang der 1980er Jahre die Krise in Polen zugespitzt hatte, wurden Lebensmittel rationiert. Nur mit solchen Essensmarken konnte meine Gastmutter noch einkaufen gehen. Als sie Verwandte in der Nachbar-Wojewodschaft besuchen wollte, musste sie schon Monate vorher einen Antrag stellen. Mit Unbehagen blickt sie auf diese Zeit zurück. Schnell hat sie die Lebensmittelkarte wieder weggesteckt.

Mit dem Beitritt Polens in die EU galten nun europäische Rechte und Freiheiten – wenn auch noch eingeschränkt. Aus Angst vor einer Flut polnischer Billiglöhner nutzte Deutschland eine Sonderregelung, um die Arbeitnehmerfreizügigkeit zu begrenzen. Erst seit 2011 können auch Polen ungehindert Arbeit in Deutschland suchen. Andere EU-Länder hingegen erwarteten die günstigen Arbeitskräfte mit offenen Armen. Besonders Irland und Großbritannien profitierten während ihres Bau-Booms von den geringen Lohnkosten polnischer Handwerker. In den Jahren 2004-2006 wanderten rund 400.000 Polen nach Großbritannien ein.

Eine polnische Familie wandert nach Europa aus

Im Sommer 2007 machte sich mein polnischer Gastbruder Wojtek auf, um sich für einige Monate in Edinburgh als Tellerwäscher zu verdingen. Ein guter Freund hatte ihn eingeladen zu kommen. Andere Bekannte waren ihm bereits vorausgeeilt. In Głuchołazy hörte ich zu jener Zeit oft Geschichten von Familienvätern, die nach Italien als Fliesenleger oder in die Niederlande in die Fabrik gegangen waren, um Geld zu verdienen und es der Familie nach Hause zu schicken. Auch mein Gastvater Marian eilte hinaus in die weiten Europas. Als er in Polen seinen Job verloren hatte, arbeitete er für ein Jahr in Island.

Bei dieser Familie wundert es mich nicht sonderlich, dass sie sich schon früh westwärts orientierte. Besonders die Kinder sind offen aufgewachsen und begriffen die neuen Möglichkeiten in Europa als persönliche Chance. Wojtek, mein Gastbruder, ging für einige Monate auf eine deutsche Schule, arbeitete außer in Schottland auch noch als Saisonarbeiter auf einem hessischen Weingut. „Ich lerne jetzt drei Jahre an einem französischen Internat und mache dort ein europäisches Abitur.“, erzählte mir Aleksandra, die jüngste Schwester, die schon in der Schule Französisch lernte und für ihren Aufenthalt vom Staat ein Stipendium bekam. Tomek, der Freund der ältesten Gastschwester Marta, bekam nach dem Abschluss des Informatik-Studiums ein Jobangebot in Oslo, Norwegen.

Wachstum trotz „unpatriotischer Auswanderer“

Im Wahlkampf 2007 um das polnische Parlament, den Sejm, beschimpfte der noch amtierende Ministerpräsident Jarosław Kaczyński polnische Arbeitsmigranten als unpatriotisch und schädlich für das polnische Volk. Solche Stimmen hört man heute unter der rechtsliberalen Regierungspartei Bürgerplattform nicht mehr. Tatsächlich war der befürchtete Aderlass nach der Öffnung der Grenzen, also die Abwanderung von Fachkräften ins europäische Ausland, zwar schmerzlich, jedoch verkraftbar für die polnische Wirtschaft. Über die Jahre seit dem EU-Beitritt standen die Zeichen der Wirtschaft auf Wachstum – als einziges Land in der EU.

Als ich im Dezember 2011 meine Gastfamilie wieder besuchte, war ich von den Veränderungen, die über die Stadt gekommen waren, sehr schockiert. „In Głuchołazy wurde viel gebaut, wir können jetzt auch in deutschen Supermärkten wie Lidl oder Rossmann einkaufen gehen.“, erzählt mir Alicja, die Gastmutter. Da, wo knapp fünf Jahren noch die Häuser zusammenfielen, stehen heute westeuropäische Einkaufszentren oder neue Sportplätze. Die Menge an zurückgeflossenen Löhnen von Familienmitgliedern hatte in Głuchołazy einen kleinen Boom an Konsumgütern ausgelöst. Die Haushalte hatten sich neue Autos und Fernseher angeschafft, gönnten sich Reisen in ferne Länder oder investierten in Immobilien. In großen Schritten wollten die Polen den Standard erreichen, den sie in Westeuropa vermuten oder durch eigene Erfahrung selbst erlebten. Doch das hatte auch seinen Preis. In ganz Polen sind die Kosten für Lebensmittel, Mieten und Benzin gestiegen. Billige Einkaufsfahrten von Deutschen in polnischen Grenzstädten gehören der Vergangenheit an.

Geld und neue Ideen

Die polnische Bevölkerung hat die Chancen genutzt, die der EU-Beitritt ihr bot. Polen, die das Land verließen, um Geld zu verdienen, kommen auch immer wieder zurück. Und neben dem Geld, das Wohlstand in Polen ermöglichte, brachten die Zurückgekehrten auch Vorstellungen und Bereicherungen aus den Einwanderungsländern mit. Sie lernten neue Sprachen und Kulturen kennen und importierten neben Gebrauchsgütern auch Ideen wie Umwelt- und Verbraucherschutz. Ausdruck dafür können die starken Ergebnisse der Palikot-Bewegung bei den letzten Parlamentswahlen sein. Die sich von der Regierungspartei „Bürgerplattform“ abgespaltene, linksliberale Bewegung, die sich unter anderem für mehr Bürgerrechte und eine Trennung von Kirche und Staat einsetzte, erreichte aus dem Stand bereits 10% der Stimmen. Sie ist die Gegenbewegung zu den altkonservativen, nationalistischen Parteien, wie der ‘Recht und Gerechtigkeit’ von Kaczyński.

Polen ist heute mit seinen politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen ein Beispiel für die europäische Integration, die den Gedanken ihrer Gründungsväter gerecht werden kann: Frieden und Verständigung unter den Völkern, kultureller und wirtschaftlicher Austausch. Es ist ein Nebeneinander von nationalen Interessen und europäischen Lösungen, von politischer und kultureller Eigenständigkeit und einer Eingliederung in das europäische Haus. Als Mittler zwischen den Euro- und Nicht-Euro-Staaten übernahm Polen immer wieder Verantwortung in einer der schwersten Krisen der Europäischen Union. „Polen ist angekommen in Europa und auf Augenhöhe mit Deutschland und Frankreich“, erklärte meine Gastschwester Alicja ganz selbstbewusst.

 

Erschienen im move-Magazin am 2. April 2012.

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