Arbeit in Bewegung

Ein gemeinsamer Arbeitsmarkt in Europa ist Segen und Herausforderung zugleich. Davon überzeugen ein deutscher Exportschlager in Spanien, ein estnisches IT-Unternehmen und ein moldawischer Kommunikationsstudent in Berlin. So sehr sich die Beispiele auch unterscheiden mögen, sie haben einen gemeinsamen Ursprung. Europas Freiheiten haben den Arbeitsmarkt in Bewegung versetzt. 

Lehrling am Schraubstock. Das duale Ausbildungssystem Deutschlands gilt als Exportschlager. Quelle: SPÖ-Landtagsklub / pixelio.de

Spaniens Jugend ist arbeitslos. Mehr als die Hälfte ist nicht in Lohn und Brot. In Deutschland suchen Unternehmen verzweifelt nach gut ausgebildeten Mitarbeitern. Vom Fachkräftemangel ist hier die Rede. Also eine ganz einfache Sache: Spanische Jugendliche, die aufgrund der Krise in ihrer Heimat keine Arbeit finden, lassen sich von deutschen Firmen anwerben.

Das denken auch Bildungsministerin Schavan und ihr Amtskollege Ortega in Spanien. Zusammen haben sie beschlossen, den Austausch von jungen Arbeitnehmern politisch zu erleichtern. Gesetzlich möglich ist es schon seit längeren. In der Europäischen Union herrscht Freizügigkeit auch für die Wahl des Arbeitsplatzes. Doch institutionelle Hürden, sprachliche Barrieren und Kulturunterschiede machten es schwierig in einem anderen Land zu arbeiten.

Nun sollen Kooperationen zwischen deutschen und spanischen Firmen gestärkt, die Mobilität der Auszubildenden erhöht und die Qualifizierung von Lehrern und Ausbildern gefördert werden. Dabei soll vor allem das duale Ausbildungssystem Deutschlands zum Exportschlager werden. “Die deutsch-spanische Pionierarbeit soll zum Modell auch für andere Länder werden”, so Bildungsministerin Schavan.

Freie Arbeitsmigration zum Wohle aller?

Doch Europa ist zu vielfältig und die Herausforderungen in den einzelnen Ländern zu komplex, als alles mit dieser Erfolgsformel bewältigen zu können. Der Abfluss von Fachkräften, Entwurzelung der Jugend, fehlende Perspektiven zur Rückkehr könnten dabei einige Probleme sein. Mobilität hat nämlich nicht immer nur gute Seiten.

Trotzdem ermöglicht es zum einen großen, wirtschaftsstarken Ländern in Aufschwungphasen, den Arbeitsmarkt zu sättigen. Während des großen Baubooms in England und Irland seit 2004 kamen hunderttausende polnische Handwerker auf die Inseln, um dort zu arbeiten. Zum anderen aber können sich auch kleinere Marktwirtschaften sich mit Spezialisten ausstatten, die sonst nur schwer zu bekommen wären. Die Firma Skype in Estland ist dafür das Paradebeispiel.

In der Hauptstadt Tallinn siedelte sich 2003 das milliardenschwere Telekommunikationsunternehmen an. Kein Wunder, denn Estland gilt als IT-Vorzeigeland. Landesweites WLAN, Programmierunterricht ab der ersten Klasse, Parlamentswahlen übers Internet. Trotzdem hätte das kleine Estland keine Chance, den Bedarf Skypes an 300 IT-Mitarbeitern zu decken. Aus über 30 Nationen kommen diese mittlerweile, auch aus Europa.

Die „unsichtbare Hand“ des Marktes regelt das schon

Auch strukturschwache Regionen profitieren von den freien Grenzen des Arbeitsmarktes. In Vorpommern, einer Region, die vom demografischen Wandel und dem Wegzug junger Menschen hart getroffen ist, beginnen mittelständische Handwerksbetriebe, den Nachwuchs aus dem angrenzenden Nachbarland Polen mit besseren Verdienstmöglichkeiten anzuwerben. Schon heute werden polnische Lehrlinge in Gießereien oder Schreinereien ausgebildet.

Somit scheint sich die alte, marktliberale Ansicht zu bestätigen. Wenn nur genügend Handelshemmnisse und Grenzen abgebaut werden, dann regelt sich der Markt von alleine – auch der Arbeitsmarkt. Lässt man die „unsichtbare Hand“ nun also walten, so wird in Zukunft der arbeitslose Ingenieur aus Spanien in einem deutschen Hightech-Unternehmen arbeiten, der polnische Bauarbeiter wird Häuser im Land des nächsten Baubooms hochziehen, der IT-Experte aus Österreich findet eine Stelle in Estland, ein deutscher Handwerker verdingt sich in Norwegen, usw…

Der Schritt ins Unbekannte

Doch wer die Realität kennt, der weiß, dass die Mobilität gar nicht so uneingeschränkt ist. Auch wenn die genannten Beispiele durchaus in der Realität vorkommen, so sind sie bei weitem noch nicht die Regel. Oft sind gerade ältere Menschen an ihren Wohnort gebunden. Familie, Herkunft und Hausbau machen einen Arbeitsplatzwechsel unmöglich. Auch kulturelle, sprachliche und administrative Hürden müssen genommen werden. Nicht jeder ist bereit für diesen Schritt ins Unbekannte.

Vlad ist ihn gegangen. Der 25 Jahre alte Moldawier studierte in Bucharest, Rumänien, Kommunikationswissenschaften und arbeitet jetzt seit zwei Jahren in Berlin. Über eine Agentur, die Jobs in Westeuropa an osteuropäische Hochschulabsolventen vermittelt, kam er zu einer Arbeit mit Mobiltelefonen. Dort kann er auf Englisch arbeiten, lebt sich in die deutsche Gesellschaft ein und fühlte sich von Anfang an nicht diskriminiert. „Aber von einer wahren Willkommenskultur in Deutschland kann ich nicht reden“, berichtet Vlad.

Der Mensch – kein Gut wie jedes andere

Noch stimmt die Einstellung zu Arbeitsmigration in den meisten Ländern der EU nicht. Das Neue, das Fremde ist nicht überall akzeptiert. Vorurteile prägen die Diskussionen, auch fehlt es an mehrsprachigen Angeboten und Hilfen im Alltag. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellt dabei heraus, dass der Nutzen von Zuwanderern nur gesichert werden kann, wenn die Integration in den Arbeitsmarkt und die Bildungssysteme verbessert wird.

Die Bereitschaft der Jugend in Europa ist zumindest gegeben. Über 40% der Studenten technischer Studiengänge in Südeuropa kann sich vorstellen, im Ausland zu arbeiten. Schon jetzt werden Mobilitätsprogramme wie Erasmus und Leonardo von hunderttausenden Europäern genutzt und noch nie war die europäische Jugend so sehr vernetzt wie heute. Trotzdem bleibt der Großteil von ihnen daheim. Menschen lassen sich eben nicht wie Waren oder Finanzprodukte über den Kontinent hin- und herverschieben, wie sich die Wirtschaft und die Politik das wünschen.

Der Artikel erschien in der Printausgabe des Treffpunkt Europas (02/12) – Ganz schön mobil! Der Mehrwert von Europa.

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